Die Öffnung der Berliner Mauer

Die Öffnung der Berliner Mauer
Triptychon
rechter und linker Teil je 220 x 320 cm

Mittelteil 440 x 400 cm
Öl auf Leinwand, 1996/97

 

Linker Teil: 9. November 1989, Invalidenstraße

Linker Teil: Die Öffnung des Grenzübergangs Invalidenstraße
in der Nacht des 9. Novembers. In der rechten Ecke der Regierende
Bürgermeister Momper, der mit einem Megaphon den Verkehr regelt.

Die Öffnung der Berliner Mauer

Rede von Matthias Koeppel anläßlich der Übergabe des Triptychons an das Berliner Abgeordnetenhaus am 16. Januar 1997 (Auszüge)

Meine Damen und Herren,
lassen Sie mich der Reihe nach ein paar Bemerkungen zur Entstehung dieses Bildes machen. Ich werde Ihnen keine Interpretationen des Dargestellten liefern., denn dann müßte ich mir zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, daß eine Malerei, die der zusätzlichen Erklärung bedarf, ihren Zweck, nämlich durch sich selbst zu wirken, verfehlt hätte.
Also nun ein paar Hinweise zur Entstehungsgeschichte.
Frau Laurien war angesichts meines großen Wandbildes im Goldenen Saal des Schönebergers Rathauses auf die Idee gekommen, ein  solches Bild mit der Berliner Mauer unseligen Gedenkens auch in den Preußischen Landtag zu bekommen. Ich meinte, daß eine Replik nicht genug sei, schließlich müsse das große historische Ereignis der Maueröffnung auch dargestellt werden. Der Gedanke fand Anklang. Ich legte ein paar Entwürfe vor, die mehrere Stadien durchliefen. Größe, Form und Preis wurden ausgehandelt, und so kam es zur Entscheidung "Die Öffnung der Berliner Mauer" für diesen Raum, in dem wir stehen, das Casino, zu malen.
Vielen Dank, Frau Laurien, für die produktiven und konstruktiven Diskussionen, die ich mit Ihnen führen durfte.
Ich habe die Form des Triptychons gewählt, weil sich die Öffnung der Berliner Mauer aus meiner Sicht - und ich überall mit dem Skizzenblock dabei - in drei Schritten vollzog: Da war die Nacht vom 9. November 1989, die Tage darauf fand die große "Besetzung" der breiten Mauer am Brandenburger Tor statt und das Herausheben des ersten Mauerstückes am Potsdamer Platz in den frühen Morgenstunden des 12. Novembers.

 

Mittelteil: Die Besetzung der Berliner Mauer am Brandenburger Tor

Mittelteil: Dei Besetzung der Mauer vor dem Brandenburger Tor in den darauffolgenden Tagen

Unser damaliger Bundespräsident traf erstmalig mit einem Offizier der Volkspolizei zusammen, der den ordnungsgemäßen Ablauf der Aktion bestätigte und seine Aussage mit dem historisch gewordenen Halbsatz beendete: "Keine besonderen Vorlommnisse, Herr Präsident".
Wie ich schon sagte, habe ich diese bewegten Tage alle mit dem Zeichenstift verfolgt.
Am Abend des 9. Novembers war ich zur Geburtstagsparty von Ulrich Schamoni (100,6) eingeladen, als Klaus Landowsky reingestürmt kam und verkündete, er käme gerade vom Brandenburger Tor, die Mauer sei offen.

 

Rechter Teill: Herausheben des ersten Mauersegments am 12. November 1989 am Potsdamer Platz

Rechter Teil: Das Herausheben des ersten Mauersegments am
Potsdamer Platz in den frühen Morgenstunden des 12. Novembers
in Anwesenheit des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker,
der einen Offizier der DDR-Grenztruppen begrüßt.

Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menge der Gäste, der Saal leerte sich sofort und alles strömte in Richtung Mauer. Ich hatte einen Smoking an und darüber einen leichten Trenchcoat. Es war bitterkalt in jener Nacht, aber in dem Trenchcoat steckten gottseidank mein kleiner Skizzenblock und ein Bleistift, so daß ich vor Ort die ersten Zeichnungen machen konnte.
"Stasi-Schwein, hau ab!" riefen mir irritierte Bürger zu, die dachten, daß jemand, der mit Block und Bleistift hantiert und sich dazu noch mit einem Smoking tarnt, die Autonummern der Ankommenden notierte, um sie ordnungsgemäß der Staatssicherheitsbehörde melden zu können. Wenn ich dann meinen Zeichenblock vorzeigte, erntete ich sehr schnell ein verständnisvolles Lächeln.
In den folgenden Tagen trieb ich mich zwischen Invalidenstraße, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz herum und skizzierte die vielen kleinen Szenen, in denen auch hin und wieder Politiker auftauchten, die Interviews gaben oder wie Walter Momper zum Beispiel, erstmal den Verkehr mit dem Megaphon regelten.
Dieses umfangreiche Skizzenmaterial war Ausgangsbasis für dieses Triptychon und nicht etwa Fotomaterial, wie vielfach vermutet wird. Was ich male, muß ich durchs Skizzieren selbst erlebt haben. Eine kleine Ausnahme bilden da nur die Politikerporträts. Bundeskanzler Kohl steht mir natürlich nicht Modell, aber ich sehe ihn jeden Tag in der Zeitung und dann auch noch im Fernsehen, so daß ich ihn schon auswendig darstellen kann. Ansonsten habe ich, wie ich glaube, einen ziemlich repräsentativen Bevölkerungsausschnitt skizziert.
Die vielen technischen Vorbereitungen, die für ein solches Bild notwendig sind, will ich kurz andeuten, obwohl ich für maltechnisch Interessierte darüber einen eigenen langen Vortrag halten könnte: Kräftiges, gut abgelagertes Holz - amerikanische Esche -
für die Keilrahmen-Konstruktion, überbreites belgisches Leinen, Vorleimung mit Knochenleim, dreifache Grundierung mit Halbkreidegrund, Imprimitur mit Terra di Siena in Eitempera und dann die eigentliche Ölfarbe in drei bis vier Schichten.
Meine Damen und Herren, Sie werden mir noch die Frage stellen wollen, wo denn nun dieses Gemälde stilistisch einzuordnen sei. Eine Frage, die natürlich nur Kunsthistoriker beantworten können. Die gläubigen Vertreter dieser Zunft werden dabei keinen leichten Stand haben. Unerschütterlich steht da die Behauptung im Wege, die moderne Malerei habe sich als Gegenbewegung zum Historienbild entwickelt, das sich im 19. Jahrhundert besonderer Wertschätzung erfreute. Wo diese Entwicklung mit ihren Höhenflügen und Abgründen hingeführt hat, können wir unweit von hier im "Hamburger Bahnhof" betrachten. Dort kann man auch über das Bibelwort sinnieren, Das Jesus zum ungläubigen Thomas sprach: "Selig sind die, die nicht sehen und dennoch glauben".
Hier ist nun plötzlich wieder ein Historienbild, und es gibt viel darauf zu sehen. Ob Sie es sieben Jahre nach der Maueröffnung noch glauben wollen, überlasse ich Ihnen und wünsche viel Vergnügen bei der Betrachtung.

 

Skizze   Skizze   Skizze

 

Das Triptychon "Die Öffnung der Berliner Mauer" befindet sich im Besitz vom Abgeordnetenhaus von Berlin und ist im Preußischen Landtag im Rahmen von Führungen durch das Haus zu besichtigen.

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